Donnerstag, März 29, 2007

Kanada

Kanada

Erste Eindruecke

Mittwoch 07.06.2006 bis Freitag 09.06.2006
Grenzuebertritt war am Mittwoch früh, nachdem ich 24 km vor der Grenze am "Strassenrand" noch einmal in den USA gezeltet hatte.
Auch hier weht der Wind (unerwartet) immer von vorn. Das Auf und Ab nervt, ebenso Berge und Paesse, die noch folgen. Die Strassen sind schlechter als in Alaska (grober rauer Asphalt mit Rissen und Loechern und zahlreichen Wellen).
Heute (nach ca. 900 km) hab ich einen Ruhetag eingelegt, den ich zum Erholen, zur Radinspektion und -reinigung (einige Passagen durch aufgeschlaemmte Strassenabschnitte "under construction") und zum kostenlosen Schreiben am Computer eines Hotels nutze. Ich weiss nicht, ob die ersten 1.000 km genuegen, um mich einzufahren, vielleicht noch mal 1.000 km, aber dann bin ich immer noch in Kanada. Fuer meine reichlichen Reservetage auf der gesamten Tour hab ich optional einige zusaetzliche Abschnitte eingeplant, um dies und das zu besichtigen. Diese Optionen kann ich weglassen, wenn es mir "schlecht gehen" sollte bzw. ich im Zeitverzug bin. Es laesst sich zwar sehr schwer an, aber nach 8 Tagen ist noch "alles drin" und ich bin zuversichtlich, wenn auch manchen Abend "down".
Also liebe Leser, hofft weiter auf optimistische Berichte. Das hier ist kein pessimistischer, nur ein Lagebericht.
Am Montag bin ich in Whitehorse. Ob ich spaeter den Jasper-NP und Banff-NP besuchen werde (zusaetzliche Strecke von etwa 1.000 km), entscheide ich nach Form und Zeitplan.
Noch einmal das Fazit: Es ist ein Erlebnis, aber ein sehr, sehr anstrengendes.

Fuer alle, die mir einen Kommentar geschrieben oder eine e-mail geschickt haben, vielen Dank. Bitte versteht, dass ich nicht auf jede Nachricht einzeln eingehen kann. Und bitte entschuldigt, wenn ich lange nichts habe von mir hoeren lassen und ihr vielleicht mal umsonst nachgesehen habt, ob wieder etwas "von mir drinsteht."

Fußbeschwerden. Heiße Sonne. Andere Radfahrer
Samstag 10.06.2006 bis Montag 19.06.2006
Wenn ich auch nur einige Minuten am Computer Zeit habe, moechte ich mich wieder einmal melden. Ich bin heute in Dease Lake, wo ich allerdings nur bis 12 Uhr den Computer in einem College benutzen kann.
Ganz kurz zu meinen Stationen und meinem Zustand sowie den zahlreichen Begegnungen (mit Radfahrern).
Nachdem ich die US-amerik./kanadische Grenze ueberschritten und waehrend eines Ruhetages den letzten Bericht geschrieben hatte, fuhr ich weiter ueber Haines Junction auf dem Alaska-Highway. In Haines Junction bekam ich am Sonntag in einer Kirche gerade noch einen Teil der Musikfestpiele mit, die dort am Wochenende stattgefunden hatten. Mit einer Zwischenstation ging es dann nach Whithorse. Hier musste ich einen Tag Zwangspause einlegen, weil ich auf der linken Fusssohle eine 2-Euro-Muenzen grosse Blase/Eiterblase hatte, was unheimlich schmerzte. Arztkosten fuer Konsultation und Beseitigung 50 CAD sowie noch mal 35 CAD fuer Medizin.
Es ist zwar heute noch nicht ausgestanden und tut immer noch weh (vor allem beim Laufen), aber ich kann Radfahren (besser als Laufen). Haette nie gedacht, dass die Sonne in diesen Breitengraden so heiss sein kann. In den letzten Tagen war gutes Wetter und es rollt allmaehlich besser.
In Whithorse auf dem Zeltplatz traf ich Rico und Sandra ein Paerchen aus Freiberg, die auch mit Kanu und Fahrrad unterwegs waren und gerade ihre Tour beendeten. Sie sind das zehnte mal in Kanada und wollen demnaechst in dieses Land auswandern. Wir feierten erst beim Chinesen mit ausgiebigem Essen und dann bei einem grossen Krug Bier ihren Abschied (und mein gutes Weiterkommen).
Zwei Tage spaeter traf ich abends auf einem "wilden" Zeltplatz (einer groessen Waldwiese ohne Baeren) Sylvain, einen Franzosen, und Quinn, einen Amerikaner, die sich auch erst vor zwei Tagen begegnet waren. Sylvain will irgendwo in den USA aufhoeren, Quinn - fast auf dem gleichen Wege und in der gleichen Zeit wie ich - nach Feuerland fahren. Waere eigentlich ideal mit ihm weiterzufahren, aber am naechsten Tag merke ich, dass beide - vor allem am Berg - mir weit ueberlegen sind. Wir fahren nur ein Stueck zusammen, weil ich sie nicht aufhalten will. Und gestern erfahre ich von einem Autofahrerehepaar (Deutsche in Vancouver lebend), die kurz anhalten und mir auch Verpflegung anbieten, dass sie hinter mir sind. Ich bin sicher, wie treffen uns wieder.
Heut frueh traf ich zwei Schweizer Radfahrer, die von Vancouver nach Anchorage unterwegs sind. Frank, der Weltreisende aus Schwaebisch Hall, den ich im letzten Bericht erwaehnte - hat mir ja schon einen Kommentar geschrieben. Sind die nicht alle verrueckt, solche Touren zu machen ??
Die Berge sind genau noch so steil und anstrengend, das Gepaeck ist nicht leichter, der Gegenwind immer wieder zum Verzweifeln und heute steht mir noch eine Passueberquerung (zwar nur 1.241 m ü.n.N., aber soll nach Aussagen der Schweizer sehr steil sein) bevor. Die Tour ist also nicht weniger hart als zu Beginn geschildert, allerdings mit fast 2.000 km hab ich schon ein bisschen mehr Training. Ich muss kleinere Broetchen backen, als ich mir vorgestellt hatte. Die schoene Landschaft entschaedigt fuer Manches und das Erlebnis dieser Radtour ist vielleicht die groesste Motivation. Fuer die Berge der Anden muss ich meine Uebersetzungsverhaeltnisse der Schaltung anders gestalten. (Alle, die ich traf, uebersetzen viel kleiner und fahren dadurch die Berge mit weniger Anstrengung hinauf).
Ich werde auch meine Strecke etwas aendern, aber darueber weiter unten.

Es rollt. Bären. Salmon Gletscher. Fähre. VANCOUVER. Tänzerin Marico. Victoria.
 
Dienstag 19.06.2006 bis Dienstag 04.07.2006
Um ehrlich zu sein, der Tag an dem ich hier die letzte Eintragung vornahm (19.06.2006), war der erste Tag, an dem ich die leise Hoffnung hatte, dass ich die Tour tatsaechlich schaffen kann. Die ersten 18 Tage zweifelte ich daran. Am 25. Tag (25.06.) rollte es dann auch richtig gut (das erste mal seit Anchorage über 18 km/h), so, wie ich es mir vorgestellt hatte und in den letzten Tagen fand ich meine Form wieder, so dass ich heute an eine erfolgreiche Beendigung meiner "Wahnsinnstour" - wie sie manche bezeichnen - glaube. Dabei koennen aber noch viele unvorhersehbare Dinge eintreten, die ich nicht beeinflussen kann, so dass ich erst am 28. Februar 2007 von einer erfolgreichen Fahrt sprechen (oder nicht sprechen) kann.
Nun der Reihe nach zu einigen Erlebnissen, die einen immer wieder aufbauen und so eine Fahrt einmalig werden lassen.
Am 19.06. fahr ich einen Pass hinauf, aber da es gleichmaessig steigt, faellt es nicht so schwer, wenn man sich mental auf einen langen Anstieg eingestellt hat. Und dann die Abfahrt. Durch eine herrliche Gegend geht es in die "Stikine River Recreation Area" (Provincial Park) und da sehe ich meine ersten Baeren. 30, 40 m von mir entfernt frisst friedlich ein Grizzly mit 2 aelteren Jungen (sie bleiben 2-3 Jahre bei der Mutter), beachtet uns nicht (inzwischen haben drei Autos angehalten) und laesst sich fotografieren und filmen. Auf dem Highway treffe ich in den naechsten Tagen noch auf weitere 9 Baeren (ein Schwarzbaer und ein Braunbaer mit mit je 2 Jungtieren und 3 Singels).
Nach einem Ruhetag, den ich wirklich noetig hatte, auf einem Zeltplatz, in einer Traumgegend treffe ich am naechsten Morgen Quinn aus Wisconsin (geboren am Freitag, 13. Januar 1984 - waere das nicht eine Ehreneulenmitgliedschaft wert ?) und Sylvain wieder. Als internationales Team fahren wir nun ein Stueck gemeinsam, suchen uns am Abend einen "wilden" Zeltplatz, kochen, unterhalten uns. Einen Tag spaeter beschliessen wir, Raeder und Zelte stehen zu lassen und 64 km in eine "Sackgasse" nach Stewart (Kanada)/Hyder (USA) zu trampen. Das ist im Juli ein Touristenanziehungspunkt, weil man dort Baeren mit ihren Jungen beim Lachsfischen beobachten kann. Jetzt leider noch nicht. Aber wir haben ein anderes Erlebnis. Beim Zuruecktrampen - es ist inzwischen 19 Uhr - laedt uns Steve ein und fragt, ob wir denn am Salmon-Gletscher waren (fuenftgroesster Gletscher Nordamerikas). "Nein", unsere Antwort. "Dann fahren wir jetzt hin." Es sind 30 km. Und der Anblick des Gletschers macht uns diesen Tag noch zu einem Erlebnis. Als wir zurueck in Stewart sind - es ist inzwischen 21 Uhr - und er begreift, dass wir ja unsere Raeder und Zelte an der 64 km entfernten "Meziadin Junction" stationiert haben, gibt es nur eines: wir schlafen in seinem Haus (er ist aus Massachusetts, begeisterter Angler und haelt sich in seinem Haus hier nur 6 Wochen pro Jahr auf). Als es am naechsten Morgen in Stroemen regnet, faehrt er uns auch noch die 64 km zu unseren Zelten zurueck. An diesem Tag trenne ich mich von Sylvain und Quinn, weil sie einen anderen Weg nach Vancouver nehmen als ich und schon am gleichen Nachmittag weiterfahren, während ich erst noch Reifen flicke. Ich fahr dann bei staendigem Gegenwind zur Kueste (Prince Rupert) und von dort mit der Faehre zur Nordspitze von Vancouver Island nach Port Hardy. Mit Quinn will ich mich in den USA an der Westkueste oder in Mexiko wieder treffen und dann wollen wir vielleicht gemeinsam weiterfahren (wenn er mich, der sein Grossvater sein koennte, als Partner akzeptiert) und unseren Geburtstag in Chile zusammenn feiern. Auf der Faehre von Prince Rupert nach Port Hardy (18 Stunden) treffe ich Kristy, ein junges Maedchen aus Vancouver, die auch auf einer Radtour ist und ein paar andere Radfahrer aus England. Die Schiffsfahrt ist ein einmaliges Erlebnis. Malerische Kueste mit Bergen und engen Kanaldurchfahrten, Wal- und Delphinbeobachtungen, extrem abgelegene Ansiedlungen - einfach phantastisch.
Mit Kristy radle ich gemeinsam auf Vancouver Island. Sie faehrt an diesem Tag nur 40 km mit mir, weil sie Freunde besuchen will und ich unbedingt weiter moechte. Es rollt bei mir ausgezeichnet und ich fahre 177 km, davon 50 km auf Schotter. Es geht also doch noch. Ich bin happy.
Am 1. Juli ist Canada-Day (Nationalfeiertag). Viel Fahnenschmuck und Feiertagsstimmung. Interessant ist ein Wettbewerb von Holzbildhauern zur Herstellung grosser Holzskulpturen ("carving contest"), der viele Zuschauer anzieht.
Der naechste Tag sieht mich wieder auf der Faehre nach Horseshoe-Bay 40 km noerdlich von Vancouver. Ich fahr diese kurze Strecke noch und richte mich auf einem RV-Park (Parkplatz fuer grosse - Trailer - busaehnliche Ferienfahrzeuge fuer eine Familie), wo man auch sein Zelt aufstellen kann, "zeltlich" ein. Es ist warm, ein Swimming-Pool reizt und ein warmer Whirlpool. Man muss sich ja auch mal erholen.
Ueber die Lions Gate Bridge in den historischen und wunderbaren Stanley-Park, die Besichtigung Vancouvers von oben (TV-Tower) und eine Fahrt durch down-town Vancouver machen auch diesen Tag zu einem Hoehepunkt. Schliesslich fahr ich noch 50 km bis zur naechsten Faehre, um am naechsten Morgen wieder nach Vancouver Island ueberzusetzen und Victoria - eine wunderbare Stadt, die Hauptstadt von British Columbia - zu besuchen.
Auf der Faehre treffe ich Mariko ein junge Frau von etwa 25 Jahren (irisch/japanische Eltern, die im August 2006 mit dem Tandem durch Irland radeln wollen). Sie ist Tanzlehrerin und kam von einem Workshop in Vancouver. Von unserem Anlandeplatz sind es noch 40 km bis Victoria und wir beschliessen, diese Strecke gemeinsam zu radeln, obwohl sie erst mit dem Bus fahren wollte. Nach einer Information in einem Touristeninformationszentrum (hier arbeiten nur sog. Volonteers - Rentner auf unbezahlter Basis - u.a. Erika, eine deutsche Frau aus Hannover, die in Kanada lebt) benutzen wir einen herrlichen Radweg und koennen den befahrenen Highway meiden. Die Uebernachtung in Victoria ist auch geklaert. Ich schlaf bei ihr (Mariko). Bei IHR, das ist eine Wohngemeinschaft von 9 jungen Leuten (Fahrradtaxifahrer, Lehrer, Studenten, Erzieher, die ein Heim fuer Waisenkinder demnaechst eroeffnen) und ich kann mein Zelt zur Uebernachtung im Garten aufschlagen. Ich als alter Opa werde von diesen jungen Leuten voll akzeptiert und integriert. Als mir Mariko einige Sehenswuerdigkeiten der Stadt zeigt, besichtigen wir auch eine Kirche und ploetzlich erklingt eine glockenklare Stimme, das "Ave Maria" singend. Es war Mariko, die diesen Raum damit erfuellte. Wunderbar.
Vom 1.-9. Juli ist in Vicotria ein interkulturelles Musikfestival, da gehen wir natuerlich am Abend hin. Es tritt dort auch eine Tanz- und Gesangsgruppe aus Ruanda (wozu ich durch meinen Aufenthalt dort noch eine besondere Beziehung habe) auf, die begeistert gefeiert wird. Wir lauschen einem Rapper aus Somalia, eine Art von Musik, die mich nie von Stuhl gerissen hat, begeistert mich hier und trotz abendlicher Kaelte wird einem warm. Als mich Mariko danach noch zu einer Singegruppe mitnimmt (wenn fuer diese Art des Singens auch ein gewisses Gewoehnungsbeduerfnis erforderlich war - jeder sang gleichzeitig mit den anderen irgend etwas Eigenes, so kam es mir zumindest vor) war der Aufenthalt in dieser Gemeinschaft etwas Aussergewoehnliches. Am naechsten Morgen packe ich zeitig mein Zelt ein und wir verabschieden uns ganz herzlich. Hier lernte ich eine Gemeinschaft kennen - uebrigens alle irgendein Musikinstrument spielend -, die sich wohltuend von der uebrigen Gesellschaft, die mit fetten Wohnmobilen durch's Land kutscht, abhob. Natuerlich bleiben wir in e-mail-Kontakt.
Von Victoria fahr ich mit der Faehre direkt nach Port Angeles im Staate Washington der U.S.A.
Statistik :
Kanada: 2.554 km (+ 67 km), 9.120 Hm, 160:55 Std. (220:25 Std.);
19 ½ Tage, 7 ½ Ruhetage,
1 Schifffahrtstag;
132 km/Tag, 15,9 km/Std; 477 Hm/Tag, 354 Hm/100 km


Tourverlauf :
Alaska Highway (1), Grenze Alaska/Kanada ueber Whitehorse (Kanada) bis Upper Liard - Abzweig auf den Stewart-Cassier-Highway (37) bis Kitwanga - Highway (16) nach Westen weiter zum Pazifik bis Prince Rupert. Faehre nach Port Hardy (Vancouver Island). Auf Vancouver Island Highway (19) ueber Woss - Golden River (NS) durch den Strathcona Provincial Park (28) nach Nainoma - Faehre nach Horseshoe-Bay - VANCOUVER - Faehre von Tsawwassen nach Swartz Bay - Victoria - Faehre nach Port Angeles (USA).

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